Rising

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Aufsteiger oder Gefallener? Held oder Gebrochener? Geflogen und abgestürzt. Gestückelt und verbunden. Er hat Wunden davon getragen, Narben und Risse. Das Gesicht scheint unversehrt. Meditativ. In sich gekehrt. Frei.

Die Bronze-Figur „Rising” von Anna K. Kleeberg ist kein Leichtgewicht. Sie wiegt 111,2 kg und ist 180 cm hoch. Die ausgebreiteten Arme beanspruchen 133 cm. Die Figur spitzt ihre Zehen  auf einer hochglänzend polierten Bronzeplatte, die Gestalt wird mannigfaltig widergespiegelt. Hart und weich die Konturen, matt und glänzend, glatt und rau die Oberflächen.

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Tanzender Satyr

Seit 2009 setzt sich die Malerin mit dem Thema Fliegen/Schweben nicht nur in der Malerei, sondern darüber hinaus mit bildhauerischen Mitteln auseinander. „Das Fliegen hat von mir Besitz ergriffen„ so Kleeberg. Die Künstlerin wurde durch den venezianischen Wissenschaftler und Autor Franco Ferrari Delfino auf das Artefakt des „tanzenden Satyr“ aufmerksam. Diese Plastik von Mazara del Vallo wurde 1998 zwischen Sizilien und Tunesien in 480 Meter im Mittelmeer geborgen. Die Beschäftigung mit dieser Plastik gab ihr den Impuls, auf das Echo der Vergangenheit zu reagieren und ihre Figur erneut zu überdenken.

2015 wurde im Kunstkabinett Hespert die dort gezeigte ursprüngliche Fliegerfigur „schwebend” mit einer Wandstärke von einem cm präsentiert. Das Eintauchen in den neuen Herstellungsprozesses für die Figur „Rising” war für Kleeberg gleichfalls mit der Herausforderung verbunden, die Wandstärke der neuen Plastik auf einen halben Zentimeter cm zu verringern. Eine Provokation gewissermaßen – da die Technik der Spätklassik eine Wandstärke von nur drei Millimetern bei der Figur des „tanzenden Satyrs” meistern konnte. Die Herausforderung, die nach wie vor zwischen künstlerischem Entwurf und technischem Wissen liegt, entstand in enger Zusammenarbeit mit der Kunstgießerei Strassacker, mit der Kleeberg einen kongenialen Partner für ihre Bronze-Arbeiten gefunden hat.

Das macht sich in der Anmutung von „Rising” prompt bemerkbar. Die Bronze erscheint fast filigran, sich mühelos in geistige Höhen erhebend. Bisher sind die schwebend Fliegenden ausschließlich männlichen Geschlechts. Vielleicht wird bald eine weibliche Figur folgen? Wer weiß?

Eine männliche Bronzefigur, die bereit zum Abheben ist, kaum mehr den Boden berührend. Bereit, das Meer und die Lüfte, die vor ihr liegen, zu durchqueren. Sie bringt zum Ausdruck, dass sie die Vergangenheit hinter sich lassen kann, ohne sie verneinen zu müssen. Es gibt die spanische Redewendung „Al hecho pecho“: dem, was man getan hat – ob gut oder schlecht – muss man sich stellen; man muss die Konsequenzen auf sich nehmen. Während der spanischen Wendung aber etwas Verzweifeltes innewohnt – man spricht sich ja selber Mut zu, obwohl man eigentlich verzagen möchte -, erscheint Kleebergs Figur in ihrem Auftrieb dagegen völlig elegant und ihrer selbst sicher. Sie hat etwas Archaisches – bedeutende Kunst des 20. Jahrhunderts hat sich häufig mit  Archaischem beschäftigt (Anselm Kiefer und andere) -, zeigt aber gleichzeitig die Verletzungen, Risse und Abgründigkeiten, die für die europäische Moderne charakteristisch sind. Sie führt die Selbstverständlichkeit eines Tuns vor, das doch gar nicht selbstverständlich ist.

Prof. Dr. E. Geisler, Mainz